Ausgewanderte Großstädter_innen

Egal ob zu Weihnachten, an Geburtstagen oder zu Familienfesten – regelmäßig besuche ich meine ostwestfälische Heimat. Bestimmte Gesprächsthemen und religiöse Meinungen sorgen dabei gewohnheitsmäßig für mittelprächtige bis ausgewachsene innerfamiliäre Zerwürfnisse. Wie man die Liebe zu seiner Familie trotz fragwürdiger politischer Statements bewahren kann. 

Ich wohne seit nunmehr fünf Jahren in Berlin. Besonders die tolerante Atmosphäre der Hauptstadt hat es mir angetan. Ursprünglich stamme ich aus einem kleinen Dorf in Ostwestfalen. In meiner Heimat habe ich mich schon immer sehr eingeengt gefühlt. Meine beruflichen Möglichkeiten waren hier ziemlich beschränkt, das politische Klima eher konservativ. Genau deswegen war Berlin lange Zeit ein Sehnsuchtsort, den ich letztendlich zu meinem neuen Zuhause gemacht habe.

Wenn ich über die Feiertage nach Hause fahre, führt dies jedes Mal auf’s Neue zu einigen kleinen Schockmomenten. Meine Eltern und Geschwister erschüttern mich gerne mit teils fragwürdigen politischen Einstellungen, die ich nur schwer tolerieren kann. Ohne hier weiter ins Detail gehen zu wollen, frage ich mich, wie ich mit so viel unreflektierten Äußerungen umgehen soll.

Akzeptanz als Herausforderung

Aus meiner Sicht leben meine lieben Verwandten in einer kleinen dörflichen Blase, in die gesellschafts- und herrschaftskritisches Denken niemals vorgedrungen sind. Umgekehrt lebe auch ich aus ihrer Sicht allerdings ebenfalls nicht in der Realität, da meine Meinung nicht mit der Wirklichkeit und dem „wahren Leben“ in Einklang zu bringen ist.

Auch wenn ich es mir selbst nicht eingestehen mag, so lebe auch ich in einer solchen Blase. Nur dass diese eben nicht der dörflichen Beschränktheit, sondern dem Mikrokosmos Kreuzberg entstammt, der ebenso, wie die dörfliche Hemisphäre, eigene, wenn auch recht eigenwillige, Normen kennt. Obwohl ich selbst dieser dörflichen Welt entstamme, habe ich mich diesem konservativen Kosmos schon so weit entzogen, dass sich diese beiden Blasen kaum noch berühren. Zwei grundverschiedene Welten in denen unterschiedliche Wahrheiten vorherrschen. Deshalb muss es also meine Aufgabe sein, mir immer wieder vor Augen zu halten, dass meine Meinung nicht die „absolute Wahrheit“ darstellt. Daraus kann ich eine gewisse Akzeptanz für die Wahrheiten meiner Familie ableiten, um mir die Liebe zu ihnen bewahren zu können.

Also versuche ich immer wieder mit ihnen zu diskutieren und nicht zu vorwurfsvoll zu sein. Ich muss akzeptieren, dass ich Sie nicht ändern werde. Denn trotz allem ist es am Ende eben doch meine Familie, zu der ich halten muss. Auch, wenn es manchmal mehr als schwerfällt.

Volker Kutschers Rath-Romane und das Serienevent Babylon Berlin – Hohe Erwartungen

Die Romanreihe rund um Gereon Rath und seine Verbrecher_innenjagd im Berlin der späten 20er- und 30er-Jahre begleitet mich schon seit dem Teenageralter. Als Jugendliche habe ich sämtliche Mord- und Totschlagromane verschlungen, die ich nun leider z. T. nach meinem Literaturstudium als ungenießbar empfinde. So z. B. Charlotte Link, von der ich früher jedes Buch gelesen habe, konnte ich nun, nachdem man mir ihr neustes Werk Die Entscheidung (zumindest glaube ich, dass es so hieß, die Titel klingen alle sehr ähnlich) geschenkt hatte, nicht mehr ertragen.

Plötzlich wirkte die Tonalität auf mich furchtbar gestelzt, die Figurencharakterisierung sehr eindimensional und ohne Tiefgang, sodass ich nach nicht einmal einem Drittel das Buch weglegen musste. Noch immer habe ich ein ganzes Regal voller Link-Bücher in meinem Wohnzimmer stehen. Meine damalige Faszination kann ich heute kaum mehr nachvollziehen. Die Auseinandersetzung mit klassischer Literatur hat mir den Spaß an den Büchern der Autorin leider gründlich verdorben.

Kutschers Märzgefallene neu entdeckt

Anders ging es mir glücklicherweise mit dem Autor Volker Kutscher. Momentan lese ich Märzgefallene[1], nachdem ich eine mehrjährige „Kutscher-Pause“ eingelegt hatte. Mittlerweile schreiben wir das Jahr 1933, die Machtübernahme der Nationalsozialisten ist soeben erfolgt. Noch hoffen viele Deutsche, so auch der Kommissar Gereon Rath, auf einen schnellen Regierungswechsel, wie zuvor schon oft in der Weimarer Republik geschehen. Inständig hoffte ich, dass mir hier nicht dasselbe Problem wie mit Link passieren möge. Es wurde ein Wiedersehen mit alten Bekannten: Den widerspenstigen Gereon Rath, der oftmals nur Rath genannt wird, seine Lebensgefährtin Charlotte Ritter, die hingegen meist verniedlichend Charly gerufen wird. (Kleine genderkritische Anmerkung am Rande). Selbst der Hund Kirie, der, so glaube ich mich zu erinnern, von einer toten Stummfilm-Schauspielerin adoptiert wurde, ist mir noch im Gedächtnis geblieben. Auch jetzt noch wirkt das schriftstellerische Werk Kutschers stilistisch glatt, fließend und gekonnt geschrieben. Der Autor offenbart hier wieder einmal viele geografische und auch historische Detailkenntnisse des alten Berlins. Mit Kutschers Büchern (auch Wladimir Kaminer hatte hier seinen Anteil) wurde Berlin für mich zu einem Sehnsuchtsort. Literatur, die wohl für meinen späteren Umzug in die Hauptstadt maßgeblich mitverantwortlich war.

Millionenschweres Projekt Babylon Berlin

Schon seit längerem gibt es Berichte über eine neue Serie Babylon Berlin, die auf der Buchreihe von Kutscher basiert und gemeinsam von der ARD und Sky produziert wird.[2] Für mich als Serienjunkie ein Traum: Ich liebe gut gemachte historisch, detailgetreue Serien wie Mad Men, The Knick oder neuerdings Good Girls Revolt. Doch kann sich Babylon Berlin wirklich mit Hollywood-Produktionen messen?

Bei der Serie handelt es sich um ein 40 Millionen schweres Projekt. Regie führt Tom Tykwer, u. a. verantwortlich für Cloud Atlas, in den Hauptrollen spielen Volker Bruch und Liv Lisa Fries. Die Erwartungen werden, dank der Medienberichte, in die Höhe geschraubt: Dass hier ein Gemälde vom Berlin der Weimarer Republik und Umbruch in die Nazizeit entworfen werden soll, ist natürlich auch eine Mammutaufgabe. Bislang hat sich vornehmlich die Literatur dieses historischen Stoffes angenommen. Kein Wunder, denn im Film ist der Alltag der Weimarer Republik, wegen der fehlenden historischen Kulisse, schwer darzustellen. Im Filmstudio Babelsberg wurden für die Serie über 50 Häuserfassaden auf 15.000 m² errichtet.

Babylon Berlin soll am 13. Oktober 2017 auf Sky Atlantic anlaufen. Bis diese auch im Free-TV in der ARD zu sehen ist, soll noch ein weiteres langes Jahr vergehen.

https://babylon-berlin.com/de/

[1] http://www.kiwi-verlag.de/buch/maerzgefallene/978-3-462-04707-3/ (Letzter Zugriff am 22. März 2017)

[2] http://www.hoerzu.de/unterhaltung/aktuelles/babylon-berlin (Letzter Zugriff am 22. März 2017)

Einstieg in den Journalismus – nur noch für die Elite?

Dass die Suche nach einem journalistischen Volontariat, nach Beendigung meines Studiums in diesem Semester, schwierig werden würde, war mir schon vorher bewusst. Auch dass die Vergütung sehr niedrig sein würde, habe ich schon geahnt. Doch auf das, was ich dann erlebt habe, war ich dennoch nicht vorbereitet.

Kleine Verlage, die unmögliche Gehaltsvorstellungen haben, weil sie genau wissen, dass die Absolvent_innen sich dennoch um die Stelle reißen werden. Zeitungen, die gar nicht erst auf Anfragen antworten, und Firmen die wollen, dass die Bewerber_innen ein paar Tage für sie kostenlos „auf Probe arbeiten“, ohne tatsächlich an der Vergabe einer entsprechenden Stelle interessiert zu sein. Zwei Erlebnisse möchte an dieser Stelle mit Euch teilen:

Ein Vorstellungsgespräch war so kurios, dass ich es mir einfach mal von der Seele schreiben muss. Das Gespräch fand in einer Wohnung, die vorgab eine Redaktion zu sein, statt. Ein Mitarbeiter der Zeitung (ca. Mitte oder Ende dreißig) stellte sich mir als Volontär vor. Ich staunte nicht schlecht. Schließlich muss man es sich auch leisten können, für so wenig Geld zu arbeiten. Mir dämmerte so langsam, dass die Redaktion wohl nur aus dem Chefredakteur, zwei Volontär_innen und einer Praktikantin bestand. Kein gutes Omen.

Das „Angebot“ sah dann wie folgt aus: drei Monate Praktikum, danach hoffentlich das zweijährige Volontariat. Schon das Praktikum (so gut wie unentgeltlich) konnte ich mir nicht leisten. Mit dem angebotenen Gehalt hätte ich monatlich weniger Geld zur Verfügung gehabt als jetzt während des Studiums. Aber der Hammer kam noch: Den vierwöchigen Lehrgang an der Journalistenschule im Wert von 1500 € sollte ich obendrein von meinem kargen Lohn auch noch selbst bezahlen. Zudem wäre natürlich von vorneherein klar gewesen, dass ich direkt nach dem Volontariat rausgeschmissen worden wäre. Nachdem ich per Mail abgesagt und mal kritisch nachgefragt habe, ob der Chefredakteur denn solch ein Angebot nicht für unmoralisch halten würde, bekam ich eine ziemlich zynische, zu meiner Verwunderung mit allerlei orthografischen und satzbautechnischen Fehlern verzierte Antwort: Ich solle erstmal versuchen, was Besseres zu finden.

Ein anderes „Angebot“ bekam ich dann von einer kleinen Redaktion, die sich auf Fernsehbeiträge und Dokumentationen spezialisiert hatte. Eines Abends klingelte das Festnetztelefon. Ich sollte für drei Tage zur Probe arbeiten und in einem Dokumentarfilm namens der „Oma-Trick“, die Enkelin spielen. Was es genau mit diesem „Oma-Trick“ auf sich hatte, habe ich bis heute noch nicht verstanden. Ich war von diesem dubiosen Anruf etwas überrumpelt und fragte nach, ob nicht erstmal ein Vorstellungsgespräch stattfinden sollte. Die Dame am Telefon erklärte mir, dass man das doch morgen schnell erledigen könne. Ich musste mich nun also innerhalb einer Stunde entscheiden, ob ich da mitmachen wollte oder nicht. Da mir das alles schon etwas mysteriös vorkam, rief ich meine Mutter an, um sie um Rat zu fragen. Auch sie verstand die Anfrage nicht so recht: „Das ist doch gar nicht das, was du machen willst“, sagte sie mir mehrmals verständnislos. Und ja, recht hatte sie: Es ging ja immerhin um ein journalistisches Volontariat. Fand das nicht hinter der Kamera statt? Schließlich entschied ich mich dazu, die Sache abzusagen. Das Vorstellungsgespräch könne dann in einer Woche anvisiert werden, schrieb ich der Dame. Gehört habe ich von dieser Firma anschließend nichts mehr. Offensichtlich war ihnen nur eine Schauspielerin abgesprungen. Daran interessiert, mich journalistisch auszubilden, waren sie ganz offensichtlich nicht. Außerdem wäre auch diesem Volontariat ein Praktikum vorgeschaltet worden. Und da ich nun mal keine reichen Eltern habe, hätte ich mir das vermutlich auch nicht leisten können.

Schlussendlich habe ich beschlossen, kein Volontariat zu absolvieren. Viel zu viele Verlage nutzen die Situation und die Hoffnungen der Absolvent_innen schamlos aus. Ich war einfach nicht dazu bereit, irgendein absurdes Angebot anzunehmen, mit dem ich mich im Nachhinein unglücklich gemacht hätte. Ohnehin habe ich das Gefühl, dass viele Anbieter_innen von solchen Volontariaten offenbar der Meinung sind, dass die meisten Absolvent_innen noch von ihren Eltern finanziell unterstützt werden. Nun hat aber nun mal nicht jede_r reiche Eltern. Dieses Volontariats-System scheint daher einer gut betuchten Elite vorbehalten, falls man denn überhaupt ein vernünftiges Angebot bekommt. Arbeiter_innenkinder, die auf ein gewisses Einkommen angewiesen sind, wird es in der Regel nicht möglich sein, sich auf ein solches Angebot einzulassen. Selbst ein Zusatzjob kommt oftmals bei den, meist unbezahlten, Überstunden nicht infrage.

So wie ich im Spätsommer also noch voller Elan an die Bewerbungsschreiben gegangen bin, so desillusioniert und ernüchtert bin ich heute. Natürlich habe ich von den Horror-Geschichten der Journalist_innen gehört, die kaum noch Hoffnung auf eine feste Stelle haben. Dennoch war ich der Meinung, mit meiner redaktionellen Erfahrung ganz gut ausgestattet zu sein. Doch weit gefehlt.

Nun bin ich an einer Journalistenschule angenommen worden. Nein, es ist nicht die Axel-Springer oder Henri-Nannen, aber doch auch keine, in der man auch Kurse im Stricken und Töpfern belegen kann. Neben meinem Teilzeitjob werde ich auch weiterhin als freie Journalistin tätig sein. Ob ich aber mit dem Abschluss an einer Journalistenschule und der freiberuflichen Erfahrung jemals eine Chance auf eine Stelle als Redakteurin haben werde, weiß ich auch nicht so recht. Ich versuche es weiter, ohne mich dabei zu versklaven oder übermäßig unter Wert zu verkaufen. Hoffentlich.

Holm soll bleiben – Studierende besetzen das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität

Am vergangenen Montag trat der Gentrifizierungsgegner und Stadtsoziologe Andrej Holm als Staatssekretär zurück. Der Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte zuvor öffentlich seine Entlassung, wegen dessen Stasi-Vergangenheit gefordert. Im Alter von 18 Jahren war Holm für einige Monate für das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig gewesen. Wie Holm zu bedenken gab, war dies den Koalitionspartnern bereits vor seiner Ernennung zum Staatssekretär bekannt gewesen.[1]

Nun soll Holm nach dem Willen der Präsidentin der Humboldt-Universität Sabine Kunst auch noch seinen Arbeitsplatz verlieren.[2] Dies liege aber nicht an seiner Tätigkeit beim MfS per se, sondern daran, dass er versucht habe, eben diese zu verschleiern. Dabei hat Holm sich bereits 2007 zu seiner Tätigkeit beim MfS bekannt und bereitwillig dazu Auskunft gegeben.[3] Ein Umstand, der auch der Humboldt-Universität bekannt gewesen sein dürfte.

Gegen Holms Entlassung protestieren seit Mittwoch Studierende der Humboldt-Universität, die die Räume des Instituts für Sozialwissenschaft besetzt halten. Sie fordern die Präsidentin Kunst dazu auf, ihre Entscheidung zu revidieren. Besonders vielsagend erscheint ein Transparent mit der Aufschrift: „Tausche AfD-Prof gegen Holm“ am Gebäude des Instituts.

Die politische Gesinnung des Anglistik-Professors Markus Egg sorgte bereits vor einigen Wochen für Aufregung. Aktivist_innen hatten eine Absetzung des Professors wegen dessen Mitgliedschaft in der AfD gefordert.[4] Die Humboldt-Universität hatte sich damals in einer Pressemitteilung kritiklos und für viele Studierende völlig unverständlich, schützend vor ihren Professor gestellt.[5] Die nur sehr vage gehaltene Pressemitteilung zu diesem Vorfall erwähnt weder Egg, noch seine Mitgliedschaft in der AfD, noch geht sie auf die verunsicherten Studierenden, bzw. die Aktivist_innen ein.

Möglicherweise bekommt die Präsidentin nun rückwirkend auch wegen des ausgesessen geglaubten Skandals um den Anglistik-Professor Schwierigkeiten mit ihrer Glaubwürdigkeit. Bisher hat sie sich zum Protest der Studierenden gegen die Entlassung Holms noch nicht geäußert.

Heute Abend um 20.30 Uhr soll ein Strategietreffen in den Räumen des Instituts für Sozialwissenschaft (Universitätsstraße 3B, 10117 Berlin) stattfinden. Die Initiative Holm bleibt ruft zu zahlreichem Erscheinen auf.

 

[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/andrej-holm-stasi-belasteter-staatsekretaer-tritt-zurueck-a-1130151.html (Letzter Zugriff am 20.01.2017)

[2] https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/nr1701/nr_170117_00 (Letzter Zugriff am 20.01.2017)

[3] http://www.taz.de/!5189906/ (Letzter Zugriff am 20.01.2017)

[4] https://genderini.wordpress.com/2016/11/11/statement-zu-prof-markus-egg-afd/ (letzter Zugriff am 20.01.2017)

[5] https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/nr1611/nr_161123_00 (letzter Zugriff am 20.01.2017)

Von Angst keine Spur

Vier Tage nach den jüngsten Ereignissen wird in vielen Medien Bilanz gezogen: Wie ist die Stimmung der Berliner_innen? Wie sicher kann man sich in der Hauptstadt noch fühlen? Die Bild-Zeitung titelte vorgestern in überdurchschnittlich großen, unübersehbaren Lettern: „Angst!“[1] Und verfehlte damit die Stimmung der Berliner_innen um Längen.

Ich selbst habe erst vom Anschlag erfahren, als meine Freundin mich gegen 21 Uhr per SMS fragte, ob es mir gut gehe. Ich wunderte mich darüber und checkte immer noch nichts. Eine weitere halbe Stunde später wollte ich mir auf RTL die Wallraff-Reportage ansehen. Doch statt von irgendeinem Skandal im Pflegeheim oder Burger-Restaurant wurde vom „Anschlag in Berlin“ berichtet.

„Was haben wir auch erwartet? Der Terror musste irgendwann auch Berlin erreichen“, waren meine ersten Gedanken. Dennoch kann ich auch nicht leugnen, dass ich ziemlich geschockt war. Ich dachte daran, dass ich am Samstag noch selbst über den Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche gegangen bin.

Am nächsten Tag stattete ich dem Breitscheidplatz noch mal einen Besuch ab. Der Weihnachtsmarkt war abgesperrt, die Geschäfte rund herum geschlossen. Weinende Menschen, die Blumen und Kerzen ablegten. Viele Kameras, Mikrofone, TV-Einsatzwagen aus allen möglichen Ländern. Eine gespenstische, sehr ruhige, schweigsame Stimmung für eine ansonsten sehr belebte Gegend im Herzen der City-West.

Doch bereits am darauffolgenden Tag schien sich die Stadt in Ernüchterung und Normalität aufgelöst zu haben. Mal abgesehen von den elektronischen Werbetafeln in den U-Bahnhöfen, die auf schwarzem Grund mit weißer Schrift allen Opfern und Betroffenen Ihre Anteilnahme ausdrückten, gingen die Berliner_innen wieder ihrem Alltag nach. Angst vor einem erneuten Anschlag war nicht zu spüren.

Die „German Angst“, von der im Ausland gerne gesprochen wird, trifft auf Berliner_innen nicht so recht zu. Im Rest von Deutschland scheint das allerdings anders zu sein. So erinnere ich mich noch dunkel an eine Zeit, in der in Berlin über ein paar Wochen hinweg immer mal wieder nachts Autos angezündet wurden. Die westdeutsche Verwandtschaft äußerte daraufhin zumindest Unbehagen im Hinblick auf den damals anstehenden Berlin-Besuch. Ich weiß noch, wie ich mich darüber wunderte. Auch mein eigenes Klapper-Auto hätte zum Opfer der Flammen werden können. Nur habe ich nie darüber nachgedacht.

Als Hauptstädter_innen ist uns allen klar, dass insbesondere Berlin natürlich im Fokus des Terrors in Deutschland steht. Dass die Berliner_innen dennoch so abgeklärt mit dem Anschlag umgehen, hilft mir Normalität zu schaffen. Obwohl es jeden Tag wieder passieren kann. Schließlich bin ich selbst fast jeden Tag in Berlin-Mitte unterwegs. An überfüllten U- und S-Bahnstationen. Auf dem Alexanderplatz oder der Friedrichstraße.

Erst letztens habe ich mit meinem Freund darüber gesprochen, dass jederzeit alles passieren kann. Und diese Feststellung, so banal sie doch sein mag, ist eigentlich ziemlich gruselig. Ständig darüber nachzudenken, hilft uns allerdings auch nicht weiter. Da muss mal wohl berlinerisch, pragmatisch sein.

 

[1] Vgl. http://www.huffingtonpost.de/2016/12/21/cover-bild-zeitung-berlin-anschlag-_n_13762270.html (Letzter Zugriff am 23. Dezember 2016)

Good Girls Revolt – Eine feministische Version von Mad Men?

In der Amazon-Serie Good Girls Revolt geht es um die fiktive Redaktion der New Yorker Wochenzeitung News of the Week und die dort herrschenden Machtverhältnisse und Geschlechterhierarchien in den späten 60ern. Die ausschließlich männlichen Redakteure werden von weiblichen Rechercheurinnen unterstützt, die Zuarbeiten für sie erledigen, bzw. für dienende Tätigkeiten, wie für das Kaffeekochen zuständig sind. Unterfüttert wird das Ganze mit politischem Subtext, Promiskuität der Hauptfiguren und dem Flair der sexuellen Revolution und unweigerlich damit einhergehend der zweiten Welle des Feminismus.

Im Mittelpunkt der Serie stehen die drei Hauptcharaktere Patti (Genevieve Angelson), Jane (Anna Camp) und Cindy (Erin Darke), die als Zuarbeiterinnen für jeweils einen männlichen Redakteur bei der Wochenzeitung News oft the Week angestellt sind. Patti ist von der Typologie der 60er eindeutig als Hippie zu identifizieren, die sich dem ungebundenen Geschlechtsverkehr zugeneigt fühlt. Für Jane ist die Redaktion zunächst nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zur Ehe, während Cindy diesen Punkt bereits überschritten hat und ihr Dasein als unglückliche Hausfrau fristet.

Viele der in der Redaktion geschriebenen Artikel sind in Teamarbeit entstanden, oder z. T. auch gänzlich von den Rechercheurinnen geschrieben worden. Dennoch erscheinen die Texte immer unter dem Namen ihres jeweiligen männlichen Redakteurs. Eine Unzumutbarkeit, die so nicht weiter hingenommen werden will.

Eine Rechercheurin probt den Aufstand und schreibt einen Artikel ihres Reporters um. Als dieser überschwänglich gelobt wird und sie die Anerkennung dafür ernten möchte, gibt sie sich als die Verfasserin zu erkennen, um daraufhin böse in die Schranken verwiesen zu werden: „Frauen sind bei News of the Week keine Reporterinnen. So arbeiten wir hier nicht.“

Die Good Girls handeln. Und beschließen ihren Arbeitgeber zu verklagen.

Die Bezeichnung als Good Girl hat einen äußerst sexistischen Beigeschmack. Angelsächsische Hundebesitzer_innen loben mit diesem Ausdruck ihre Hündinnen für ein ausgeführtes Kommando. Ob die Bedeutung in diesem Fall ähnlich gelagert ist, bzw. auf diese Assoziation hindeutet, ist leider nicht überliefert.

Good Girls Revolt überzeugt mit einer starken, glaubhaften Story (die Handlung ist an historische Ereignisse angelehnt). Die Charaktere der drei Hauptfiguren sind wohltuend mit Ecken und Kanten ausgestattet. Ob dies familiäre Probleme oder auch Cindys auffallend übermäßiger Alkoholkonsum sind: jede Figur hat neben den politischen, diskriminierenden auch mit privaten Problemen zu kämpfen. Einziger Kritikpunkt von mir: Neben diesen Hauptfiguren wirkt die Anwältin der klagenden Mitarbeiterinnen Eleanor (Joy Bryant) zu glatt bzw. eine Spur zu tough. Man erfährt nichts über ihren Hintergrund oder etwaige andere Schwierigkeiten. Sie hat das Glück von ihrem Mann in ihrem feministischen Aktivismus unterstützt zu werden. Ein Glücksfall, der in der damaligen Zeit wohl eher selten gewesen ist.

Natürlich erinnert die Serie stark an Mad Men. Eine Serie, die ebenfalls in der 60er-Jahren spielt und sich als eine der erfolgreichsten Serien der jüngeren Zeit erwiesen hat. Ein Vergleich zur Serie rund um Donald ‚Don‘ Draper und seine Arbeit in der Werbeagentur ist daher mehr als verständlich. Versetzt Good Girls Revolt die Zuschauer_innen doch mit ebenso viel Liebe zum Detail in die 60er-Jahre zurück.

Dennoch geht mir persönlich die Einschätzung als „feministischer Gegenentwurf“[1] etwas zu weit. Ebenso wie in Mad Men sexistische Übergriffe zu finden sind, finden diese natürlich auch in Good Girls Revolt statt. Ich weiß nicht, ob ich mich damit zu zweit aus dem Fenster lehne, aber ich halte Mad Men letzten Endes auch für eine feministische Serie, oder doch zumindest für eine mit eindeutig feministischen Elementen. Nur eben etwas subtiler und versteckter als in Good Girls Revolt. Womit sich die beiden Serien nicht antithetisch gegenüberstehen, sondern sich letztlich sehr ähnlich sind.

 

Good Girls Revolt auf Amazon Prime, OmU – Ab 2.12. auch in der deutschen Synchronfassung abrufbar

https://www.youtube.com/watch?v=qAB_BuPH4EQ

[1] http://www.tagesspiegel.de/medien/streaming-empfehlungen-fuenf-serien-gegen-den-novemberblues/14798634.html (Letzter Zugriff am 29.11.2016)

Über fehlende sexuelle Vielfalt und Feminismus-Bashing – Ein Besuch auf der Venus

Im Rahmen eines Radiobeitrags hatte ich die „Ehre“ die Sexmesse Venus in Berlin in besuchen. Meine Aufgabe bestand darin, das Frauenbild sowie den Umgang mit Sexualität aus feministischer Sicht zu kommentieren. Mit einem flauen Gefühl im Magen und einigen Vorerwartungen von gröhlenden Männern, die beim Anblick einer masturbierenden Frau ihre Kameras bereithalten, hatte ich bereits im Vorfeld wenig Lust auf die Veranstaltung.

Erste Irritation kam aber schon vor Betreten der Messehalle auf. „Ich wollte Dich was fragen, ich weiß nur nicht so richtig wie“, wand sich der Radio-Reporter unbehaglich. Auf meinen Vorschlag hin, es einfach mal zu riskieren, fragte er mich, ob ich Feministin sei. Als ich bejahte, wirkte er sichtlich erleichtert. Offensichtlich hatte er erwartet, dass ich mich nun beleidigt und/oder empört zeige: „Du weißt ja, dass der Feminismus einen eher negativen Touch hat“, entschuldigte er sich. Ich verkniff mir mein Augenrollen und wusste natürlich gleichzeitig, dass er recht hat. Der Feminismus hat ein schlechtes Image. Selbst unter jungen Frauen.

Das zeigte sich anschließend auch im Interview mit dem Werbegesicht der Venus Micaela Schäfer. Tatsächlich hatte ich die Gelegenheit, ihr ein paar Fragen zu stellen, so z. B. ob sie Feministin sei. Sie verneinte mit empörtem Blick. Als ich sie fragte warum, antwortete sie: „Ich halte davon nichts, immer dieses ich, ich, ich und die Frau muss genauso gestellt sein. Die Frau ist genauso gestellt, es liegt immer an der Frau selbst.“ Als ich nachhakte, ob die volle Gleichberechtigung also ihrer Meinung nach schon erreicht sei, kam sie dann doch ins Straucheln. Sie habe sich noch nie so große Gedanken über Gleichberechtigung gemacht und wisse auf diese Frage nun doch keine konkrete Antwort.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich damit, die halbnackten bis gänzlich entblößten Pornodarstellerinnen zu ignorieren. Ein paar oberkörperfreie Männer kreuzten zwar auch meinen Weg, aber diese waren weit davon entfernt, die gleichen Shows wie die Frauen abzuliefern, die auf der Bühne Einblick in jeder Körperöffnung gewährten.

Trotz aller propagierter Gleichberechtigung nimmt die Pornobranche Frauen als Konsumentinnen noch immer nicht so richtig ernst. Die Venus ist hauptsächlich auf den heterosexuellen, männlichen Blick ausgerichtet. Homosexuelle, Trans- und Queer-Personen und letztendlich auch heterosexuelle Frauen, sind auf dieser Messe nicht gut aufgehoben. Zudem ist die Rollenverteilung ist ein großes Problem: Die meisten der kaum bekleideten Pornodarstellerinnen sind weiblich und die meisten gaffenden Besucher männlich. Soviel also zur Frage des Radiosenders an mich, welches Frauenbild die Venus vermittelt.

Der Radiobeitrag lief dann übrigens unter dem Motto „Feministin vs. Pornosternchen“ und offenbarte somit eine ebenfalls merkwürdig antiquierte Sicht auf den Feminismus, der offensichtlich von vielen immer noch für sexfeindlich gehalten wird. Mein abschließender Verbesserungsvorschlag, eine alternative Sexmesse zu schaffen, die alle sexuellen Orientierungen berücksichtigt, wurde positiv, aber dennoch überrascht aufgenommen. Leider musste ich feststellen, dass die Gesellschaft noch immer weit davon entfernt ist, zu verstehen, dass Feminismus mehr ist, als Männern das Titten-Gucken verbieten zu wollen.